6. Jänner

 

Mach dein Herz weit!

6. Jänner — Erscheinung des Herrn


Au Zion‚ werde licht, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn erstrahlt über dir. Erheb deine Augen und schau ringsum. Dann wirst du schauen und strahlen, dein Herz wird vor Freude heben und sich weiten. 

Jes 60,1-6 (1. Lesung)


Huldigen müssen dir, Herr, alle Völker der Erde. (Kehrvers)


Huldigen müssen ihm alle Könige, alle Völker ihm dienstbar sein. 

Aus Ps 72 (71) (Antwortpalm)


Durch eine Ofenbarung wurde mir das Geheimnis mitgeteilt, . . . daß die Heiden Miterben sind. 

Eph 3,2-33.5-6 (2. Lesung)


Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. 

Mt 2,1-12 (Evangelium)


AUF, ZION, WERDE LICHT — DENN ES KOMMT DEIN LICHT, UND DIE HERRLICHKEIT DES HERRN ERSTRAHLT ÜBER DIR.

Triumphalistisches Selbstbewußtsein des »auserwählten Volkes« ‘ oder Zuversicht gegen allen Augenschein? Diese Worte der Ermutigung ergehen nicht an ein Jerusalem in der Zeit politischer, kultureller, wirtschaftlicher und religiöser Blüte, sondern an eine Tempelgemeinde, die nur mit Mühe ihr inneres und äußeres Überleben sichern kann, in der manche mit Wehmut an frühere Blütezeiten denken. Eine Welt ist zerbrochen innerhalb weniger Generationen. Wo bleibt Gottes Herrlichkeit, von der unsere Vorfahren gelebt haben? Eine unüberbrückbare Kluft scheint die Gegenwart von den großen Taten Gottes zu trennen, die wir noch nach altem Brauch weitererzählen und im Kult besingen. Wo bleiben die Zeichen seiner Nähe? Der neue Tempel, armselig im Vergleich zum Tempel unserer Vorfahren, ist von der Brüchigkeit unseres Zusammenhalts und unseres Glaubens gezeichnet, die bei seiner Errichtung so beschämend deutlich zutage getreten ist. Wie ein Wunder ist die Fertigstellung des Baus trotzdem gelungen. Auch in unserer zerbrechlichen Welt will]ahwe unser Gott sein, in unserer Gemeinschaft mit ihrer Hilflosigkeit, Untreue und Schuldigkeit. Immer wieder bersten Welten. Und immer wieder gibt es prophetische Worte der Ermutigung:

ERHEB DEINE AUGEN UND SCHAU RINGSUM . . . DANN WIRST DU SCHAUEN UND STRAHLEN, DEIN HERZ WIRD VOR FREUDE BEBEN UND SICH WEITEN.

Gott ist seiner Berufung treu geblieben. Er ist und bleibt in deiner Mitte, »Zion«. Auch wenn du seine Herrlichkeit nicht an äußeren Erweisen, jedenfalls nicht auf den ersten Blick erkennst. Mach die Augen auf und schau, was an dir geschieht — und in deiner Umgebung. Sieh, wie Gottes Licht in dir aufleuchtet. Er lebt in deiner Mitte, er ist schon dein Licht. Wenn du ihn nur scheinen läßt . ..

Und schau, wie von deiner Berufung eine Strahlungskraft für so viele ausgeht: wie du in deiner Armseligkeit anziehend wirst für andere, weil dein Gott sie ruft, weil sie deinen Gott suchen. Sei dir aber nicht zu sicher. Im Licht zu sein ist nicht Verdienst und Leistung. Nicht du verteilst Hell und Dunkel. Manche, die du im Finstern wähnst, finden das Licht. Den Fernsten wird das Heil »Zions« zuteil. Allen gilt die jubelnde Preisung. Andere sehen den Stern und machen sich auf den Weg, ihm zu folgen, ohne Mühsal, Hindernisse und Widerstände zu scheuen. Du verstellst das Licht, das dir geschenkt ist. Du verpaßt deine Chance, wenn du jenes Jerusalem bist, das meint, im Licht zu sein, und vor dem wirklichen Licht, seinem wahren König, zurückbebt. Du bist vielleicht dunkler als du ahnst. Epiphanie heißt: Gott will aufleuchten in unserer Welt. Gottes Menschwerdung soll sichtbar und erfahrbar werden. Christen sind in besonderer Weise betroffen. Aber nicht nur sie. Mach dein Herz weit, sehr weit!

Aus dem Buch von Maria Riebl Advent Weihnachten Gedanken von Tag zu Tag