Brief von Pater Hanna Ghoneim - Ruf nach Leben

Liebe Freunde in Österreich und in Deutschland,

wir feiern das Leiden Christi im Wissen darum, dass dieses Leid zum Heil der Menschheit ist und zur Auferstehung führt. Wir blicken auf das Leid der Menschen in Syrien und anderen Ländern wie Jemen und Irak. Alles deutet darauf hin, dass der ungerechte Krieg weiterhin eskalieren wird. Jeden Tag erfahren wir von neuen Ereignissen und werden wir erschüttert von dem, was der Mensch mit der schönen Kreatur Gottes macht.
Es gibt Kriegstreiber und dagegen gibt es Friedensstifter und Lebensförderer. Die Zeit ist gekommen, die an die Auferstehung Glaubenden sollen die Macht Christi in der bösen Welt zeigen. Die Menschen in Syrien rufen nach dem Leben. Sie sehen den Tod in jeder Ecke lauern. Sie suchen den Frieden und bemühen sich, ihn wieder herzustellen. Sie brauchen unsere guten Kräfte. Wir haben -Gott sei Ehre und Dank- dank der Hilfe vieler Freude und Bekannten viel getan. Es ist noch viel zu tun.
Werden wir bald die Auferstehung und Wiederbelebung in Syrien um im Irak erfahren? Darauf hoffen wir, indem wir singen: "Wir verehren Dein Leiden, Christus, zeige uns Deine herrliche Auferstehung".

In dieser Gesinnung wünsche ich Euch allen besinnliches Heiliges Triduum und gesegnete Ostertage voller Freude und Zuversicht. Möge der Herrgott die Mächte der Unterwelt besiegen und uns das wahre Leben gewähren, das Er uns bestimmt durch Christus hat!

Euer Hanna Ghoneim

PS: Im Anhang befindet sich ein eigener Bericht über die Lage in Syrien, wie ich sie persönlich erfahren habe, als ich dort im Februar war. Ich ersuche um Gebet und brüderliches Mitdenken.

Ruf nach Leben
Wien, den 16.3.2015
Liebe Freunde,
schon lange habe ich Euch nicht mehr geschrieben. Der Grund dafür ist meine eigene Wortlosigkeit angesichts der immensen katastrophalen Ereignisse in Syrien, die jeden Tag neue Schreckensnachrichten produzieren. Es wurde viel über die dramatische Lage in Syrien berichtet. Die westliche Medienlandschaft zeigt ein völlig anderes Bild als die lokalen Medien in Syrien. Zudem ist die Berichterstattung im Westen sehr geteilter Meinung, um nicht zu sagen polemisch und einseitig; die Ethik in der Berichterstattung lässt oft zu wünschen übrig. Nach wie vor bin ich der Ansicht, wir befinden uns in einer obskuren Phase, in der man die Wahrheit nicht leicht erkennen kann oder gar die Wahrheit nicht sagen darf. Wichtig in dieser Phase ist nicht das Verteidigen von Theorien, Meinungen, geopolitische Stratagemata oder Ideologien; sondern die Menschen, die unter diesem Krieg in jeder Beziehung leiden, müssen neu in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses gestellt werden.
Die Not der Syrer im Inland ist viel gravierender als im Ausland
Oft vergisst man die Menschen, die in noch Syrien leben. Es handelt sich um unendliche Zahl von Familien, die das Leben eigenhändig nicht mehr meistern können. Wenn wir die tiefe Not der Menschen dort ignorieren, dann sprechen wir gegen das Leben, das uns Jesus zu verkünden beauftragt. Es wäre abwegig, das Problem in Syrien auf die Flüchtlingsfrage zu reduzieren; die Menschen im Land leben seit vier Jahren einfach in einem dauernden Kriegszustand, der die Grundzelle der Gesellschaft, die Familien, aber auch die Zivilgesellschaft, alle wirtschaftlichen und nationalen Strukturen tötet; das Leben wird zu einer Hölle, weil jede Zukunftsperspektive dadurch zunichte gemacht wird.
Vom 2. bis 13. des vergangenen Monats war ich in Syrien, um den Menschen persönlich zu begegnen und ihr Leid und ihre Not direkt zu erfahren. Ich habe Familien, denen wir helfen, in ihren Wohnungen besucht und gefragt, was sie schmerzt und was sie für ihr Leben brauchen. Das ist ein Anliegen der Kirche, dass die Christen in der Krise standhalten und ihren Glauben und ihre Hoffnung nicht verlieren, ihre Mission mitten im Alltag dieses Leides nicht zu vergessen und Friedensstifter zur Freude der Menschheit zu bleiben.
Sozialprobleme: Zerrissene Familien, Armut, Arbeitslosigkeit, orientierungslose Jugend
Die Menschen im freien Westen haben kaum eine Vorstellung, wie gravierend der Krieg die Menschen schlägt, gerade jene, die ein friedliches Zusammenleben in Syrien, im Nahen Osten wollen. Die jetzt entstandenen sozialen Probleme sind enorm, so dass man kaum ein Ende der Not sehen kann. Hier seien einige Beispiele erwähnt:
Fast jede Familie hat eine tragische Geschichte. Entweder jemand wurde getötet oder entführt, verletzt und/oder ist nun behindert. Ganz auffallend ist, die jungen Männer fehlen.
Entweder sind sie ins Ausland geflüchtet, oder sie sind bei der Armee (Volksarmee bzw. im regulären Militärdienst). Die meisten Jugendlichen suchen Beschäftigung, um ihre Familien zu versorgen, sie finden aber keine. Die Fabriken wurden zerstört oder lahmgelegt, die kleinen Geschäftsleute finden keine rentable Investitionsmöglichkeit mehr, sie transferieren ihre Kapitalien ins Ausland (meistens Türkei, Libanon, Golfstaaten u.a.). Fehlen die jungen Menschen, dann fehlt den Familien ein wesentliches Element der Hoffnung und der Zukunft. Die häufigsten Fragen, die ich bei den Familienbesuchen hörte, sind: „Kannst Du uns helfen nach Deutschland oder Österreich zu flüchten“? Denn man sieht keine Zukunft mehr in Syrien, eben weil der Konflikt schier endlos und aussichtslos aussieht. Die andere Frage ist nach Arbeitsmöglichkeiten für die Jugendlichen. Hier habe ich bemerkt, wie stark der Wunsch ist, in einem kirchlich-christlichen Umfeld zu arbeiten. Der berechtigte Anspruch an die Kirche ist der ihrer gelebten Sozialprinzipien, in der Solidarität und Subsidiarität Zuversicht, keine Ausnutzung und Geborgenheit zu finden. Man hat immer Angst, dass die jungen Menschen, gerade aber die Mädchen ausgenutzt werden, wenn sie bei Fremden arbeiten. Zurzeit bleibt die Armee für einige Jugendliche eine Überlebensquelle.
Die Jugend zieht vor, ins Ausland zu flüchten und sind oft gezwungen ihre älteren Angehörigen hilflos zurückzulassen, obwohl sie selbst ins Ungewisse fliehen.
Wenn die jungen Menschen keine Arbeit finden, dann fallen sie in Drogenabhängigkeit, Kriminalität, Prostitution u.a. und es entstehen neue Formen von psychologischen Versklavung, die natürlich die Familien im Lebensnerv zusätzlich belastet.
Die Armut und die Arbeitslosigkeit treiben viele Jugendliche und Kinder zum Diebstahl an. Wenn ein umkämpftes Gebiet von der Armee zurückerobert wird, stürzen sie sich rasch auf die Häuser und stehlen alles, bevor die Eigentümer zurückkommen.
Es gibt auch Banditen, die die chaotische Lage und die Schwäche der Sicherheitskräfte ausnutzen, um Straftaten zu begehen wie Mord, Entführung, Diebstahl, Vergewaltigung …
Ein Phänomen, das früher nicht zu sehen war, sind jetzt die Straßenkinder, die manchmal als Straßenhändler in der Nacht arbeiten. So erlebte ich an einem Abend auf dem Heimweg: Es war kalt und hat in Strömen geregnet (am nächsten hat es geschneit), da sah ich Kinder in der Fußgängerzone, die Brot verkauften. Sie umarmten das frische noch warme Brot, weil es ihnen so kalt war. Arme Kinder können in dieser sehr schlechten humanitären Lage leicht missbraucht und instrumentalisiert werden. Viele Kinder haben keinen Zugang mehr zur Schule, was nicht für eine gute Zukunft spricht, falls man für sie nichts unternimmt.
Energiemangel
Am meisten leiden die Menschen in Syrien unter dem Energiemangel (Gas, Heizöl, Strom). Das erste Anliegen bei jeder Familie ist die Energieversorgung. Gas und Heizöl sind nicht mehr leicht erhältlich. Wenn schon, dann sind sie so teuer, dass die Armen keine Chance haben, sie zu kaufen. Wir haben kaum eine Vorstellung über das Ausmaß der wegen dem Energiemangel entstandenen Probleme. Die schlimmste Folge sind die ins Astronomische gestiegene Lebenshaltungskosten. Hier möchte ich ein paar Beispiele geben, die man in Europa kaum wahrnimmt:
Durch die hohen Preise des Treibstoffs sind die Fahrtkosten sehr teuer geworden. Wenn jemand früher 10% des Gehaltes für Fahrtkosten einbüßte, so muss er nun fast mehr als das ganze Gehalt bezahlen. Ein Teufelskreis tut sich auf. Der Arbeitgeber kann nicht mehr zahlen, weil auch er selber ums Überleben kämpft; die Wirtschaft bricht zusammen. Die Frage ist: Wer versorgt dann diese Arbeitslosen? Die Arbeitslosigkeitsquote dürfte jetzt über 80% sein. Das durchschnittliche Gehalt ist umgerechnet ca. 60 Euro geworden. Damit kann man eine Familie kaum 10 Tage ernähren.
Wie kann ein Haushalt ohne Strom funktionieren? Wie können Geschäfte, Läden, Krankenhäuser, Schulen in Betrieb gesetzt werden ohne Strom? Ich habe ein in Damaskus sehr bekanntes privates Krankenhaus besucht, das von Ordensschwestern betreut wird. Man hat mir erzählt, man müsse den Generator ständig laufen lassen. Das sind unglaublich zusätzliche hohe Kosten für das Krankenhaus. Wer kann das bezahlen? Natürlich die Patienten; aber was kann man tun, wenn Patienten sich dies nicht leisten können? Durch Umweltverschmutzung infolge der vielen Explosionen und der schlechten Infrastruktur, durch Epidemien, auch verursacht durch den ungewöhnlich harten Winter, die schlechte Wasserversorgung und verdorbene Lebensmittel werden viele krank. Weil die privaten Krankenhäuser zuverlässiger sind, gehen die Menschen dorthin, ohne nach dem Kostenfaktor zu fragen. Wäre das Krankenhaus gezwungen zu schließen, oder mindestens bestimmte Abteilungen schließen zu müssen, wohin gingen die Menschen? Die Behandlung in den staatlichen Krankenhäusern ist zwar gratis, aber die Qualität hat sich eindeutig verschlechtert wegen des Konflikts. Dasselbe Problem habe ich erfahren in einem Altenheim und Waisenhaus. Der Betrieb ist so schwierig geworden. Wenn keine Rettung von außen kommt, dann droht die Schließung.
Mit dem Energiemangel und dem Ausfall der Kühlsysteme verderben viele Nahrungsmittel ganz einfach. Einige essen verdorbene Speise (ohne ihr Wissen), weil sie sie nicht wegwerfen wollen. Das Ergebnis sind im besten Falle Verdauungsprobleme; eine Folgeerscheinung ist zurzeit überall in Syrien verbreitet nämlich Hepatitis A (Gelbsucht) vor allem bei den Kindern.
Die allgemeine Situation
Die Menschen in Syrien leben fast überall in Panik, die sehr stark in Damaskus und Aleppo, heute in Hassake im Nordosten im Dreieck Irak, Türkei und Syrien zu spüren ist. Die sogenannten Rebellen (Islamische Armee) schießen z. B. ständig und absichtlich auf die zivilbevölkerung Mörsergranaten und Raketen und attackieren gezielt Schulen, Krankenhäuser und Behörden. Das Problem ist, man weiß nicht wann die Attacke passiert. Manchmal treffen die Vorwarnungen zu manchmal nicht. Jeden Tag hört man von Verletzten und Toten. Über Twitter und Facebook kursieren manchmal Nachrichten, Androhungen von Seiten der Rebellen, die die Studenten oder Schüler zwingen zu Hause zu bleiben. Aus Sicherheitsgründen müssen Schüler und Studenten auf den Unterricht verzichten. Nachher müssen sie alles auf eigene Kosten nachholen, was leider sehr oft passiert.
Die Menschen fühlen sich total verunsichert und haben Angst vor der Zukunft, sie sehen, dass die extremistischen Muslime nicht zu stoppen sind. Sie bringen andauernd Waffen und Unmenge Geld ins Land, um so viele islamische Jugendliche zum Kampf anzulocken. Niemand kennt die eigentlichen Quellen. Die Zivilisten sehen laufend Videos von Gräueltaten, sie leben im ständigen Schreckenszustand. Man hört überall Bombardements infolge der Gefechte. Die Menschen suchen die ganze Zeit nach sicheren Ortshaften. Wenn sie sie finden, müssen sie tiefer in die Tasche greifen. Nur die Vermögenden können das Land verlassen, weil der Erhalt eines Visums nach Europa ein Vermögen kostet. Die Armen sind wirklich in jeder Hinsicht hilflos.
Wenn man durch die zurückeroberten umkämpften Gebiete hindurchfährt, dann sieht man apokalyptische Szenen. Das erinnert ohne weiteres an die Zeit direkt nach dem zweiten Weltkrieg. Es handelt sich um Tausende und Abertausende zerstörter Häuser, Wohnungen und ganz vieler historischer Gebäude, Moscheen und Kirchen. Man sieht mancherorts zerstörte Häuser entlang der Straße links und rechts, teilweise nur noch Trümmerhaufen total verwüstet oder verbrannt. Es ist nicht zu fassen, dass man eine durch Jahrzehnte ja sogar Jahrhunderte aufgebaute Zivilisation binnen von Tagen vernichtet. Wozu hat man daran gearbeitet?!
Wenn man durch die Straßen mit dem Wagen unterwegs ist, wird man von vielen Kontrollen angehalten. Als christlicher Geistlicher wurde ich begrüßt und durfte durch den Militärweg (schneller) durchfahren. Sonst muss man lange abwarten. Die Straßen sind schmutzig mit so vielen mit der syrischen Staatsflagge bemalten Betonblocks, die manchmal die Route schwer ausfindig macht.
In einigen Orten sind die Straßen überfüllt von Autos, in anderen sieht man kaum Fahrzeuge. In bestimmten Zeiten herrscht in den Städten einfach Verkehrschaos, in anderen sehen sie wie Geisterstädte aus.
Ruf nach Leben
Während meines Aufenthalts in Syrien ist mir neu bewusst geworden, dass die meisten Menschen gegen den Krieg und damit nicht einverstanden sind, was sich in ihrem Land abspielt. Die Menschen sind einfach mürbe geworden und können die Lage nicht mehr aushalten. Man merkt bei allen Menschen eindeutig den Ruf nach Leben. Alle möchten menschenwürdig leben, ihren Glauben ungestört praktizieren, sie wollen normal arbeiten und ihr Brot selber verdienen. Sie möchten in ihren Bildungsinstituten normal lernen und sich am Abend in den Lokalen und den Plätzen wie früher unterhalten können, wie man vorher gelebt hat. Die Verhältnisse sind heute für die Syrer so deprimierend geworden, dass die Menschen keine Lebensfreude mehr finden. Die Situation ist so neblig geworden, dass man im Horizont keinen Hoffnungsschimmer absieht. Die Reise ins Ausland ist zu einem Traum geworden. Wer ein Visum nach Europa erhält, der jubelt, als würde er von neuem geboren. Menschen fühlen sich im Inland wie in einem Kerker und warten auf die Rettung von außen.
Gibt es noch Hoffnung?
Laut Berichte einflussreicher Medien ist die Lage in Syrien bisher aussichtslos. Als Priester gilt mir in besonderem Masse der Anspruch: Ein Christ fragt nicht nach der Hoffnung, sondern er gibt sie. Diese ist zurzeit sicher nicht in der internationalen Politik zu finden, nicht bei den Herrschern dieser Welt (Verlaßt euch nicht auf Fürsten, auf Menschen, bei denen es doch keine Hilfe gibt. Ps 146:3). Jeder Christ ist, wenn er überhaupt wahrhaft Christ ist, Hoffnungsträger. Denn er glaubt an den Frieden, Gerechtigkeit, Heiligkeit menschlichen Lebens und Brüderlichkeit unter den Menschen und ist dem im christlichen Gewissen verpflichtet.
Trotz des furchtbaren Elends gibt es Menschen, die Hoffnung schenken, innerhalb und außerhalb von Syrien, indem sie den notleidenden Menschen eine Hand reichen. Es sind nicht unbedingt immer die Hilfs- und die Menschenrechtsorganisationen. Es sind einfache Menschen, die viel bewirken durch ihr Gebet, ihren festen Glauben, ihre Fürsprache, Ratschläge, die kleinen Werke und Spenden; das sind die Menschen warmen Herzens. Sie werden oft ignoriert, sind aber der Hoffnungsschimmer dieser dunklen Welt. Menschen, die den Glauben nicht nur mit dem Mund bekennen, sondern sie lassen ihn durch die guten Werke erscheinen. Ich glaube Jesus hat auf solche gesetzt, als er die Seligpreisungen verkündet hat.
Was in Syrien passiert, ist in der Tat ungerecht. Ein ähnliches Beispiel haben wir im Irak. Die am meisten behaupteten Gründe für den Krieg sind plakativ und zu einfach (Assad töte sein Volk, das Volk strebe nach Demokratie und Freiheit). Es ist kein Bürgerkrieg, wie es hierzulande immer noch dargestellt wird. Die Geschichte wird uns das einmal die Beweise liefern. Es geht sicher um eine Aggression gegen das Volk; die Aggressoren werden sicher einmal angeprangert werden; sie schüren weiterhin den Konflikt zwischen bestimmten Gruppierungen und haben andere handfestere Interessen als Frieden. Im Hintergrund stehen Mächtige mit der Federführung in der internationalen Politik und Wirtschaft und achten nicht das Selbstbestimmungsrecht und die Souveränität des syrischen Staates. Für uns stellt sich die Frage, sollen wir nur zuschauen mit der Begründung, es gebe nicht viel zu erwarten und die Lage sei hoffnungslos? Gerade diese Haltung tötet die Menschen, die sehnsüchtig nach Heil suchen.
So wie es aussieht, ist der blutige Konflikt zwischen „Rebellen“ (Freie Armee, Al-Nusra Front und ISIS) und Regierung aus dem Ruder gelaufen. Es ist momentan sehr schwer eine Prognose über die Entwicklung des Kriegs zu stellen. Es könnte noch lange dauern. Für die Menschen, die dort noch leben und ihre Heimat nicht verlassen wollen, ist die Frage nicht, wie lange die Krise noch andauern würde oder gar ob es noch Hoffnung gebe, den Konflikt zu beenden, sondern die eigentliche Frage lautet heute: Wie kann man mit diesen neu eingetretenen schrecklichen Umständen umgehen, bis der Tag der Rettung erscheint?
Für uns als außenstehende Christen lässt sich die Frage gelten: Was können wir tun, um diesen Ruf nach dem Leben bei den Menschen zu entsprechen, die direkt unter dem Krieg leiden?
Es gibt Handlungsspielraum und zugleich ein enormes Arbeitspotential: In Syrien (Damaskus und Umgebung, Homs und Umgebung) habe ich immer gefragt, wo Hilfe angesagt ist. Die Antwort kam vielfältig:
- Nahrungsmittel zu besorgen.
- Gas zum Kochen und Heizöl Heizen. Großer Bedarf nach Solarenergie.
- Medizinische Versorgung. Geld zur ärztlichen Behandlung und für Medikamente gerade bei chronischen Erkrankungen. Die staatlichen Angestellten sind meistens versichert. Die Erwerbstätigen in Privatfirmen oder die Arbeitslosen haben keine Versicherung.
- Jugendliche suchen Beschäftigung, um der eigenen Familien zu helfen.
- Schüler und Studenten benötigen Geld für Transport und für Schulbedarf.
- Flüchtlinge brauchen Obdach und Lebensunterhalt. Manchmal erhalten sie Domizil bei Verwandten, manchmal müssen sie eine Wohnung mieten und die Verhältnisse der Wohnung in Kauf nehmen. Sie brauchen ununterbrochen Geld für Miete und Lebensunterhalt.
- Finanzielle Hilfe zum Restaurieren oder Wiederaufbau der zerstörten Häuser.
Die Bedürfnisse kann man mit diesen sechs Stichwörtern zusammenfassen: Nahrung, medizinische Versorgung (ärztliche Behandlung, Medikamente, chirurgische OP), Energie (Licht, Wärme), Ausbildung (Schule, Uni, Institute), Beschäftigung und Lebensunterhalt.
Appell:
Daher gilt der Appell jedem, der das Leben liebt. Wir können viel tun. Wir haben bereits viel geholfen dank Eurer materiellen, geistlichen, ideellen und praktischen Hilfe. Wir konnten bisher fünf Containers Hilfsgüter aus Deutschland und Österreich nach Syrien schicken. Sie kommen - Gott sei Dank - gut an und bringen große Freude bei den Menschen herbei. Wir konnten über 2000 Familien in Damaskus, Homs und Aleppo helfen seit ungefähr zweieinhalb Jahren unterschiedlicher Weise. Wir versuchen, soweit es uns möglich ist, das Leid zu lindern bei Menschen, die die Hoffnung verlieren. Die Herausforderung ist groß und wird immer gravierender.
Ich möchte zum Schluss die tiefe Dankbarkeit der Menschen ausdrücken, denen Ihr Hilfe und Liebe schickt. Jedes Mal wenn wir jemand etwas geben, spüren wir die große Freude trotz der Verzweiflung. Das freut uns und gibt uns weiterhin Ansporn, weiter zu helfen.
Wir sind zuversichtlich, dass der Friede einmal zurückkehren wird. Das ist der Wille Gottes. Die wahre Arbeit wird dann beginnen. An dieser Stelle möchte ich bitten, uns weiterhin zu unterstützen zuerst im Gebet, dann dadurch, unser Anliegen an die Menschen guten Willens, die das Leben lieben, durch karitative Aktionen, durch innovative Ideen, durch materielle Gaben, durch das Mitdenken, was man für Jugendliche, Studenten und Schüler, für kranke, behinderte, ältere Menschen tun kann, um die schwere Last des Leben erträglich zu machen.
Ich bin offen für jede Idee, für jede Hilfe und jeden Rat.
In Verbundenheit verbleibe ich mit allen guten Wünschen für das kommende Osterfest in der Hoffnung, dass dieses Fest der Auferstehung uns große Freude bringt.
Euer P. Hanna Ghoneim